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17.03.2026

Brüssow will "Helden"-Denkmal kaufen

Als ein Husar vom Pferd fiel

Brüssow (ipr) Am 24. Februar 2026 beschloss die Stadtverordnetenversammlung von Brüssow auf Antrag des örtlichen Tourismusvereins, ein Denkmal zu erwerben. Zur Begründung wird auf einen Artikel im "Heimatkalender für Prenzlau" aus dem Jahr 1936 verwiesen, der dem Antrag beigefügt war. Genau dagegen – nicht gegen den Ankauf selbst – wendet sich die "Initiative Demokratisches Brüssow" in einem offenen Brief an die Stadtverordneten.

Ein Husar und sein Denkmal

Das Objekt der Begierde ist ein etwa 2,5 Meter hoher Gedenkstein an der Straße zwischen Grünberg und Bagemühl. Gewidmet ist er dem preußischen Husarenmajor Otto Gottlob von Stülpnagel. Der Offizier erlitt dort im Jahr 1772 nach einer Treibjagd einen Schlaganfall, fiel vom Pferd und starb. So beschreibt es Bernhard Mätzke in seinem Artikel von 1936. Er beruft sich dabei ganz allgemein auf "Familienerinnerungen und historische Quellen".

Den Antrag formulierte Anfang Januar der sozialdemokratische Kreistagsabgeordnete und Vorsitzende des Tourismusvereins Brüssower Land, Peter Reiss. Unterstützt wird er vom lokalen Museumsbeirat sowie vom Brüssower Ableger des Uckermärkischen Geschichtsvereins.

Im Antrag wird Stülpnagel als eine "der hervorragendsten uckermärkischen Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts" bezeichnet. Hervorgehoben werden seine Teilnahme am Erbfolgekrieg und am Siebenjährigen Krieg. Grundlage dieser Darstellung ist weitgehend ein Aufsatz aus dem Jahr 1936: "Leben und Taten des Husarenmajors Otto Gottlob von Stülpnagel" von Bernhard Mätzke.

Der Artikel beginnt mit einem programmatischen Satz: "Unser deutsches Volk darf und soll wieder frei und rühmend seiner Helden und ihrer Taten gedenken. Das ist Wille und Wunsch unseres Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler."

Kritik an einer Quelle aus dem NS-Staat

Hier setzt die Kritik der "Initiative Demokratisches Brüssow" an. "Schon an dieser Stelle hat niemand von Ihnen gezweifelt?", heißt es in dem Schreiben. "Es ist zu unterstellen, dass Sie aufmerksam bis zum Schluss gelesen haben und feststellen mussten, dass es sich um eine durch und durch nationalsozialistische Geschichtsverherrlichung handelt – im Vokabular der Nazis. Dem haben Sie mit Ihrem Beschluss zugestimmt."

Die Debatte im Ausschuss

Vergangenen Donnerstag tagte der Brüssower Kulturausschuss. Der offene Brief lag den Stadtverordneten bereits vor.

Eine Stadtverordnete widersprach der Kritik. Sie habe dem Antrag zugestimmt, nicht dem Artikel. Das Problem: Der Antrag bezieht sich ausdrücklich auf diese Quelle. Wörtlich heißt es darin: "Seinem Leben ist ein Artikel im Heimatkalender Kreis Prenzlau von 1936 gewidmet."

Auch inhaltlich übernimmt der Antrag zentrale Aussagen daraus.

Schriftliche Fragen von gegenrede.info wollte Peter Reiss nicht beantworten. In der Ausschusssitzung erklärte er jedoch, die Hitler-Eloge sei eben der NS-Herrschaft geschuldet gewesen.

Dass mit der Bezugnahme auf Hitler eine ideologische Umdeutung stattfindet, sehen weder er noch die meisten Stadtverordneten. Dabei war genau das ein typisches Muster nationalsozialistischer Geschichtspolitik: Preußische Offiziere vergangener Jahrhunderte wurden zu Vorläufern eines angeblichen "deutschen Heldentums" erklärt.

Das Denkmal selbst ist nicht nationalsozialistisch. Der Artikel von 1936 versucht jedoch genau das: einen preußischen Offizier nachträglich in eine NS-Erzählung einzubauen – mit Nationalismus, Führerkult, blindem Gehorsam und der Verherrlichung von Härte auf dem Schlachtfeld.

Quellen gäbe es genug

Im Ausschuss räumte Reiss ein, dass er neben diesem Artikel und dem Buch "Kriegsereignisse in der Uckermark" keine andere Literatur zu Otto Gottlob von Stülpnagel kenne.

2021 wurde in Prenzlau eine Ausstellung über 700 Jahre Familie von Stülpnagel gezeigt. Sie wurde von der Familie selbst gestaltet und ist online dokumentiert. Seit dem vergangenen Jahr existiert außerdem eine 264-seitige Dokumentation als PDF.

Darin findet sich auch mehrere Abschnitte über Otto Gottlob von Stülpnagel (1714–1772), den Offizier, der laut Mätzke nach einer Hetzjagd vom Pferd fiel und starb. Von kriegerischer Heldenpose ist dort nichts zu lesen. Erwähnt wird vielmehr, dass alle heute lebenden Familienmitglieder, die mit dem Namen "von Stülpnagel" geboren wurden, ihn als gemeinsamen Urahnen haben. Es wird sein Patronat erwähnt und seine Militärischen Einsätze für den Preußischen König. ohne Pathos. Das Familienarchiv liegt als ständige Leihgabe im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam. Quellen gibt es also genug. Niemand muss sich auf einen nationalsozialistisch gefärbten Artikel von 1936 stützen. Peter Reiss hat nach der Kritik im im Kulturausschuss weiteren öffentlichen Diskussionen zugestimmt.

Heldengeschichten und ihre Opfer

Der Siebenjährige Krieg, an dem Stülpnagel teilnahm, dauerte von 1756 bis 1763. Die Großmachtpolitik des preußischen Königs Friedrich II. kostete rund 500.000 seiner Untertanen das Leben. Etwa 320.000 von ihnen waren Zivilisten.



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