[home]   [hintergrund]   [forum]   [blog]   [impressum]
<h1>info-portal rechtsextremismus</h1>
Nachrichten, Berichte, Analysen zum Rechtsextremismus in der Uckermark
 
[news]
news >> 2019 >> 190510_01

10.05.2019

Zweiter Prozess zum Überfall auf einen Flüchtling

Filmriss und Verwarnung

Prenzlau (ipr) Gestern wurde vor dem Jugendschöffengericht in Prenzlau ein zum Tatzeitpunkt Heranwachsender für schuldig befunden, einen Flüchtling durch den Wurf mit einer Bierflasche vom Fahrrad geholt, ihn gemeinsam mit einem Kumpel am Boden liegend getreten und geschlagen zu haben. Ein erster Prozess mit zwei weiteren Angeklagten fand bereits im November 2018 vor dem Schöffengericht in Prenzlau statt.

Sebastian H. (22) wurde als Jugendlicher verurteilt. Er erhielt eine Verwarnung, muss 100 Sozialstunden ableisten, wegen eines Alkohohlproblems zur Suchtberatung und 1000 Euro Schmerzensgeld an das Opfer zahlen. Das Urteil ist rechtskräftig.

Sebastian H. bekannte sich im Gerichtssaal zu seinen Taten, wollte sich aber partout aufgrund seines massiven Alkoholkonsums an diesem Abend an nichts mehr erinnern können. Der Richter sprach in diesem Zusammenhang von einem Filmriss. Das passte.

Im November 2015 lief im Prenzlauer Kino in der Friedrichstraße die Hitlersatire "Er ist wieder da". Fünf rechte Kameraden aus Pasewalk – Andy B., Fabian F., Sebastian H., Marcel L. und Martin M. - machten sich mit dem Auto auf, um sich den Film anzuschauen. Im Gepäck hatten sie eine Reichskriegsflagge und reichlich Bier. Im Auto sangen sie gemeinsam zur Nazi-Mucke.

Der Farce im Kino ...

Schon im Kino sollen sie dann die Sau raus gelassen haben. Sie sollen die Reichskriegsflagge geschwenkt und Hitlergrüße gezeigt haben. So berichteten es Kinobesucher damals gegenüber gegenrede.info. Ein Polizist außer Dienst, der ebenfalls im Kinosaal war, will von den Hitlergrüßen nichts mitbekommen haben, aber das Schwenken der Reichskriegsflagge hatte er bemerkt. Er alarmierte zu Filmende seine Kollegen, was die Kinobelegschaft trotz Hinweisen von Kinobesuchern schon während der Vorstellung versäumte.

Die fünf Männer marschierten nach dem Film durch die Fußgängerzone "die Fahne hoch, die Reihe fest geschlossen" zu ihrem Auto, das an der alten Post stand. Da bog Solomon Y. auf seinem Fahrrad über einen Kopfhörer Musik hörend in Friedrichstraße ein. "Guck mal ein Neger", soll Sebastian H. gerufen haben. Mindestens eine Bierflasche, geworfen von Sebastian H., flog in Richtung des etwa 15 bis 20 Meter entfernten Flüchtlings. Die Flasche traf die Speichen, blockierte das Vorderrad. Solomon Y. stürzte.

… folgt die Gewalt auf der Straße

Sebastian H. und und Andy B. sollen gleich los gerannt sein und sollen den am Boden liegenden Eritreer brutal an Kopf und Körper geschlagen und getreten haben. Blut floss. Soloman Y. versuchte seinen Kopf vor den Tritten und Schlägen zu schützen. Er schrie vor Schmerzen. Da soll Andy B. dem Flüchtling den Mund zugehalten haben. Zum Schluss soll das Fahrrad zwei Mal auf Solomon Y. geschmissen worden sein. Der war ohnmächtig geworden.

Marcel L. und Fabian F. bekamen es mit der Angst zu tun. Martin M. schickte die beiden Männer weg. Danach rannt er rüber zu den Schlägern und schaute zu. So berichtete es Marcel L. dem Gericht einer ersten Verhandlung Ende 2018. Da standen Andy B. und Martin M. vor Gericht. Gegenüber der Polizei hatte Marcel L. sogar ausgesagt, er habe gedacht, die schlagen den tot. So erklärt sich, dass er mit seinem blauen Golf Hals über Kopf mit hoher Geschwindigkeit entgegen der Einbahnstraße zum Parkplatz an der Prenzlauer Stadtmauer raste.

Marcel L. war auch gestern als Zeug geladen. Er war nicht mehr so präzise in seiner Aussage. Aber er schilderte Sebastian H. als den Haupttäter. Er bestätigte auch, dass der reichlich getankt und beim Gehen schon geschwankt hatte. Als Motiv vermutete er, dass sich Sebastian H. gegenüber den Nazis in der Gruppe beweisen wollte. Er konnte das aber nicht belegen.

Da kam die Polizei

Zwei Polizisten im Streifenwagen, eigentlich auf dem Weg in die Friedrichstraße wegen der Reichskriegsflagge, sahen das und beschlossen dem Wagen auf den Parkplatz zu folgen, so beide Polizisten im November 2018 vor Gericht. Sie sahen noch, dass drei dunkel gekleidete Männer mit Kapuzen , ihrer Meinung nach auf dem Weg zum Golf, abbogen und laufend in Richtung Stadtpark verschwanden.

Sie nahmen die Personalien der beiden Männer auf, überprüften den Wagen und befragten sie, ob ihnen in der Friedrichstraße etwas besonderes aufgefallen wäre. Das verneinten die beiden. Die Polizisten fuhren weiter in die Friedrichstraße. Dort fanden sie auf dem Rücken am Boden liegen mit blutigen Gesicht den damals 28-jährigen Solomon Y.

Das erste Urteil

Das Schöffengericht sah es im November 2018 als erwiesen an, dass Andy B. den am Boden liegenden Flüchtling aus Fremdenhass geprügelt hat und verurteilte ihn zu 15 Monaten Haft. Da Andy B. eine weitere Haftstrafe noch nicht abgesessen hat, wurde daraus eine Gesamtstrafe von 20 Monaten Haft gebildet.

Es war nicht zu belegen, dass Martin M. geschlagen oder getreten hat. Aber er war hingelaufen und hatte zugeschaut. Das Gericht ging davon aus, die Taten waren in seinem Sinne. Deshalb verurteilte ihn das Schöffengericht wegen Beihilfe zu zehn Monaten Haft. Da auch bei ihm noch eine Strafe offen ist, wurde in seinem Fall eine Gesamtstrafe von 17 Monaten Haft gebildet.

Ihr Opfer erhielt 2018 3000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen.

Ihr Name:
Ihre E-Mail Adresse:
Betreff:
Ihre Meinung:

 

zurücknach oben

Meinungs FAQ
  • Als Namen können Sie auch einfach einen Spitznamen eingeben.

  • Ohne gültige E-Mail-Adresse wird der Beitrag nicht veröffentlicht.

  • Ihr Beitrag wird vor seiner Veröffentlichung durch eine Moderatorin gelesen.

  • Es werden weder beleidigende noch strafrechtlich relevante Inhalte veröffentlicht.