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news >> 2014 >> 121210_01

10.12.2012

Milmersdorfer Artistenvertreibung: 2. Prozesstag Teil II

Mosaik der Erinnerungen und Widersprüche

Neuruppin (ipr) Nach dem zweiten Prozesstag um die Vertreibung des Zirkus "Happy" aus Milmersdorf zeichnet sich ein erstes Bild ab wer wann und wo agiert hat. Über das Warum schweigt man sich größtenteils aus. Aber auch die Widersprüche treten deutlich zutage.

Nach dem Bürgermeister

Gegen 18:00 Uhr kam die heute 31-jährige Jenny B. an den Ort des Geschehens. Sie beschreibt einen Menschenauflauf. Die Leute hätten gemeckert. "Manuel kam an", schildert sie die Situation, "er war stockbesoffen und wollte die Hunde abstechen."

Über Nicole W. sagte sie, dass die immer in Richtung Zirkus gegangen sei und geschimpft habe. Was sie gesagt hat, wisse sie nicht. Ihr Lieblingssatz an diesem Tag war: "Ich will jetzt auch nicht lügen." Sie bestätigte, dass Worte wie "Zigeunerpack, haut ab, verpisst euch!" gefallen sind, konnte oder wollte sie aber niemanden zuordnen.

Ivonne M., die Schwester des Angeklagten Kay M. und Lebensgefährtin des bereits rechtskräftig verurteilten Manuel B. erschien ebenfalls gegen 18:00 Uhr auf der Bildfläche. Sie sagte, dass die Stimmung wegen der Hunde aufgewühlt war. Alexander W. habe laut gerufen. Der hatte in der Prenzlauer Verhandlung noch von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht. Diesmal hatte er zugegeben "Scheißpack" gerufen zu haben und gesagt, dass ihm das leid tue.

Nicole W. habe was gerufen und ihr Lebensgefährte habe gebrüllt. Ihr wäre das alles unangenehm gewesen. Und auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin Becher ergänzte sie: "Weil die Leute so aufgeheizt waren." Ihrem Bruder hatte sie im ersten Prozess drei Steinwürfe zugeschrieben, diesmal waren es nur zwei. Außerdem unterstützte sie hier dessen Aussage, dass er gar nicht in die Richtung der Zirkuswagen geworfen hätte.

Auf den Hund gekommen

Nachdem die Sache mit dem Elektrozaun und den Pferden durch den Bürgermeister scheinbar geklärt war, machten die Milmersdorfer Angreifer wohl ein zweites Fass auf: Die Rede war von zwei frei laufenden Hunden, die angeblich auf dem Sportplatz herumsprangen als dort die kleinen Kinder spielten. Zum Zirkus gehören tatsächlich zwei Border Collie-Schäferhund Mischlinge. Der Bürgermeister will keine Hunde gesehen haben. Sie seien auch nicht Thema von Beschwerden gewesen, sagte er.

Der 15-jährige Alexander H. – der laut Manuel B. ebenfalls zu den Steinewerfern gehört haben soll - hatte mit drei Kumpels auf dem Sportplatz Fußball gespielt. Hunde sind ihm da wohl nicht vor die Füße gelaufen. Bemerkt haben will er jedenfalls keine.


Im Hintergrund ist ganz schwach das stromführende Zaunband zu erkennenfoto: ipr

Die Hunde liefen frei auf dem Zirkusgelände rum, bestätigte Artistin Justine H., wurden aber als immer mehr Leute kamen an die Leine gelegt und dann zu ihrem Schutz in das Führerhaus eines Transporters gesteckt.

Der Vater von Justine, Michael H., war ebenfalls als Zeuge geladen. Viel konnte er nicht zur Aufklärung beitragen. Er sagte aber, dass seine Frau den Bürgermeister angerufen und über den Ärger in Milmersdorf informiert hätte. Der Bürgermeister allerdings will keinen Anruf von der Zirkusfrau erhalten haben.

Kommenden Mittwoch soll der Prozess fortgesetzt werden und auch ein Urteil gefällt werden. Zwei wichtige Zeugen haben es bisher vorgezogen, nicht vor Gericht zu erscheinen. Sollten sie auch kommenden Mittwoch nicht gehört werden können, könnte der Prozess platzen.

Zur Erinnerung

Auf der Anklagebank sitzen vier Personen aus Milmersdorf: Frederike P. (27), Kay M. (19) und die Geschwister Nicole (19) und Alexander (22) W. Der fünfte Angeklagte Manuel B. (31) war im ersten Verfahren in Prenzlau zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden und hatte das Urteil wegen gemeinschaftlicher Volksverhetzung und versuchter Nötigung akzeptiert.

Am 24. September 2010 hatte der Milmersdorfer Mob mit Steinwürfen und Schmäh- und Drohrufen die fünf Kinder des Zirkus "Happy" im Alter von 7, 11, 12, 13 und 16 Jahren in Angst und Schrecken versetzt und den Zirkus zur Abreise gezwungen.

Die Steinwürfe sind unbestritten. Sie wurden allerdings von den Angeklagten zwei Schuldunfähigen Kindern zugeschoben. Immerhin hat am ersten Prozesstag der Berufungsverhandlung Kay M. zugegeben, Steine geworfen zu haben. Allerdings behauptet er, nicht in Richtung der Zirkuswagen und -tiere.



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